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Apr 04 2014

Würzburger Anzeiger April 2014

Geschichte zum Anfassen

 

Im März gab es für die Kinder der Burkarder Grundschule eine ganz besondere Veranstaltung, über die ich heute berichten möchte.

Wie Sie vielleicht bereits wissen öffnet die Pfarrbücherei St. Burkard jeden Montagvormittag ihre Türen für die Schülerinnen und Schüler der benachbarten Grundschule, um die Kinder mit neuem Lesestoff zu versorgen. Seit Jahren schon wird dieses Angebot gerne genutzt, so dass dieses wöchentliche Ritual gar nicht mehr wegzudenken ist.

Nun kamen die Organisatorinnen der Bücherei auf die Idee, den Kindern noch mehr zu bieten, als „nur“ Geschichten in Papierform. Und da der 16. März 1945 für alle Würzburgerinnen und Würzburger eine besonders große Rolle spielt und deshalb auch auf dem Lehrplan der Schule steht, bot sich das Thema der Bombardierung Würzburgs geradezu an. Wer kann sich schon „vorstellen“, was in diesen 20 Minuten vor beinahe 70 Jahren passierte?

In Zusammenarbeit mit der Grundschule, wo der Workshop dann auch stattfand, engagierten die Bücherfeen also die Museumspädagogin Claudia Jüngling mit ihrem „Museum Im Auto“, kurz „MIAU“, die den Kindern der dritten und vierten Klasse das schwierige Thema veranschaulichen sollte.

Bereits im Vorfeld hatten die Dritt- und Viertklässer während des Unterrichts einen Film über die Zerstörung der Stadt gesehen. Die Originalaufnahmen waren sicherlich sehr eindrucksvoll, doch für ein Kind der heutigen Zeit ist es wohl schwer nachvollziehbar, welchen Schrecken und welche Not diese Flugzeuge am Würzburger Himmel mit sich brachten. Und auch die Zustände während des Hitlerregimes sind für Kinder schwer vorstellbar. Kein Wunder. Wer, der es nicht selbst miterlebt hat, kann diesen Irrsinn schon begreifen?

Und hier kommt das MiAU ins Spiel. „Be-greifen“ ist das Zauberwort. Viele unterschiedliche Gegenstände der Kriegszeit packte Frau Jüngling aus dem Kofferraum und ins Klassenzimmer. Die Kinder durften hier sowohl eine Gasmaske und eine Prothese, als auch alte Geldscheine und Schulhefte in die Hand nehmen. Auch Mutterkreuze in Bronze, Silber oder Gold, die eine Frau im Dritten Reich je nach der Anzahl ihrer geborenen Kinder bekommen hatte, gab es zu bestaunen.  Doch wie war das eigentlich mit den Juden, warum wurden sie ausgeschlossen? Wie haben sie sich dabei gefühlt?

Um diese Selektion zu veranschaulichen teilte Frau Jüngling den Kindern Hütchen und Fähnchen aus und motivierte sie, sich zu einer Gruppe zusammen zu schließen. Ein Slogan wurde gerufen, ein Gemeinschaftsgefühl aufgebaut, ähnlich wie in den Zeltlagern des Dritten Reiches. Zuerst wirkte diese Kameradschaft für die Kinder positiv, doch schnell kamen aufmunternde Rufe schärfer, bald aggressiver. Ein „Stillgestanden!“ kam hinzu. Und dann wurden plötzlich ein paar Kinder aus der Gruppe rausgeworfen. „Packt eure Sachen und verschwindet“ hieß es da. Und das bloß, weil auf ihren Kärtchen, die zu Anfang verteilt worden waren, ein Kreuzchen stand. Natürlich wurden die Verstoßenen sogleich wieder in die Gemeinschaft zurückgeholt und zu ihrem Erlebnis befragt. „Ich wusste ja, dass es nur so was wie ein Spiel war, aber trotzdem war es kein schönes Gefühl, ausgeschlossen zu werden“, erzählte einer der Schüler.

Um die Kinder dann mit einem positiven Gefühl aus dem Projekt zu entlassen zauberte Frau Jüngling zum Abschluss noch „Kriegskakao“ aus gerösteter und gemahlener Roter Beete. So konnten die jungen Burkarder das etwas schwierige Thema quasi mit allen Sinnen erleben.

Der Projekttag „Geschichte zum Anfassen“ hat die Schülerinnen und Schüler auf jeden Fall mächtig beeindruckt. Vielleicht hilft ihnen ja auch das Erlebte in ihrem Kinderalltag, Konflikte gewaltfrei zu lösen und ihren Mitmenschen mit Toleranz zu begegnen.

 

 

Näheres zum Museum im Auto finden Sie unter www.museum-im-auto.de.

 

Die Öffnungszeiten der Bücherei St. Burkard sind:

 

Montag     8:30-12:00 Uhr und 15:00-17:00 Uhr

Dienstag  15:00-17:00 Uhr

Freitag      8:30-10:30 Uhr.

 

A. Wehr